John Cranko - Aufenthalt in Stuttgart

Der dringlichen Suche nach einem Gastchoreographen und Nicholas Beriozoffs Empfehlung hatte John Cranko seinen ersten Kontakt nach Stuttgart zu verdanken. Seine erste Arbeit, die von ihm vorgeschlagene Überarbeitung des "Pagodenprinzes", hatte ordentlichen, noch nicht überwältigenden Erfolg, doch zeigte sich in seinem aus klassischen Wurzeln neu schöpfenden Gestus genau jene Frische und jener Aufbruch in die Zukunft, wonach der damalige Intendant Walter Erich Schäfer gesucht hatte.

 

Nach anfänglichen Widerständen gegen die gleichberechtigende Einbindung des Balletts in den Spielplan, mehrte sich von Jahr zu Jahr die Akzeptanz. Ein erster Höhepunkt war die Neufassung von "Romeo und Julia" am 2.12.1962, in der sich Crankos außerordentliches Geschick beim Ensemble-Aufbau bemerkbar machte. Dabei half ihm vor allem die von ihm initiierte, zunächst direkt an das Württembergische Staatstheater angeschlossene Ballettschule, aus der später die nach ihm benannte Schule hervorgegangen ist.

 

Die feine Beobachtungsgabe Crankos hinsichtlich schlummernder Talente und Qualitäten brachte z. B. die später ebenso zu Weltruhm gelangte Tänzerin Marcia Haydée in die Compagnie. Denn ohne sie und all die anderen solistischen Glanzträger wie Birgit Keil, Susanne Hanke, Richard Cragun, Heinz Clauss oder Egon Madsen hätte das Stuttgarter Ballettwunder nicht stattgefunden. Crankos persönlicher Stil, aus Altem erfrischende Nahrung für Neues zu gewinnen, verlangte nach Künstlern solchen Formats.

 

"L'Estro Armonico", "Jeu de cartes", "Opus 1", "Brouillards", "Ebony Concerto" gehören zu den herausragenden Kurz- bzw. Abstrakt-Balletten, "Coppelia" weniger, aber dafür umso mehr die drei großen Abendfüller "Romeo und Julia", "Onegin" und "Der Widerspenstigen Zähmung", in gewissem Maße auch "Schwanensee" und "Carmen", zu den die ganze Welt erobernden Klassikern. Eine Besonderheit stellt das 1972 aus Dankbarkeit seinen vier besonderen Freunden Haydée, Keil, Cragun und Madsen auf den Leib zugeschnittene "Initialen R.B.M.E." dar. In ihm summiert sich all das, was Crankos Persönlichkeit als Mensch und als Künstler gewesen war und dessen Geist hoffentlich auf noch viele Tänzergenerationen fortwirkt.

 

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